Rückblick auf Werkstattgespräch (Fokus: Manufakturen aus Sachsen) und Arbeitskreis (Sustainable Finance Testlab) am 9. Juli 2021 in Dresden-Hellerau zum Thema

Finanzlösungen für nachhaltiges Unternehmertum

von Anja Herrmann-Fankhänel, TU Chemnitz

Arbeitskreis ‘Sustainable Finance Testlab’ – v.l. Norbert Menke (Sächsische Agentur für Strukturentwicklung), Torsten Pötzsch (Oberbürgermeister Weißwasser), Yvonne Zwick (B.A.U.M. e.V.), Anita Maaß (Bürgermeisterin Lommatzsch), Matthias Daberstiel (Fundraiser-Magazin), Silke Hohmuth (MenschBank e.V.), Else Christensen-Redzepovic (Voices of Culture), Carena Schlewitt (Festspielhaus HELLERAU), Gerald Häfner (Goetheanum), Anja Herrmann-Fankhänel (TU Chemnitz), Jens Heidingsfelder (GLS Gemeinschaftsbank), Thomas Schindhelm (Umweltzentrum Dresden), Georg Schürmann (TriodosBank NV, Deutschland), Helge Tobias Melzer (Sächsische Aufbaubank – Förderbank) – Foto: Markus Weinberg

Bei der Expertenzusammenkunft von Förderbanken, genossenschaftlichen Banken, Bürgschaftsbank, Nachhaltigkeitsbanken, Startnext, sowie Wirtschaftsministerium, IHK, HWK, Wirtschaftsförderung, Wissenschaft, Regionalentwicklung, Kommunal-Verantwortlichen, Kreativbranche, Wirtschaft, Investorentum und Stiftungswelt aus Sachsen, bundesweit und Europa wurden die Perspektiven auf nachhaltige Entwicklung und Finanzen für lokale KMUs in Sachsen auf den Tisch gebracht. 

Alle Beteiligten haben aus ihrer Arbeits- und Schaffenswelt ehrlich berichtet, wie sie die Veränderung unserer Wirtschaft erleben. Die Entwicklung hin zu nachhaltigen Gründungen und Unternehmertum ist im Gange. Gleichermaßen weist sie Vielschichtigkeit auf, die es verwirrend macht und zum Zögern anregt. Und je nachdem, welche Aufgaben die Beteiligten des 09.07.21 im Rahmen der Finanzierung der KMUs und Gründungen übernehmen, betrachten sie die aktuelle Situation sehr unterschiedlich bzw. teils gegensätzlich.

Im Großen und Ganzen war der Tag damit ein Spiegel für das, was es jetzt gerade braucht, um die Thematik zu bearbeiten: das Erkennen der Herausforderungen und das Entwickeln von Lösungen – natürlich beides ko-kreativ.

Werkstattgespräch ‘Manufakturen & Nachhaltigkeit’ in den Deutschen Werkstätten vormittags – leider nur ein Arbeits- kein Gruppenbild – Foto: Markus Weinberg

In der Vormittagsrunde beim Wertstattgespräch in den Deutschen Werkstätten ging es um Handfestes: Das Handwerk und Manufakturen als spezielle KMUs und Leistungsträger in Sachsen, förderfähiges Unternehmertum, sich selbst-erhaltene Geldkreisläufe und vielfältige Finanzinstrumente. Mit dem Schwerpunkt auf bestehende Bankprodukte und Finanzförderinstrumente sowie innovativen Finanzierungslösungen aus der Praxis wie Crowdfunding tasteten wir uns an deren Einsatz bei KMUs und Manufakturen heran, die sich wirtschaftlich nachhaltig aufstellen wollen. Dabei wurde deutlich, dass nachhaltige Unternehmen, also die, die sowohl Finanzgewinn also auch Sozial- und/oder Umweltgewinn erzielen wollen, andere Geschäftsmodelle und anderes Unternehmertum aufweisen. Auch wurde deutlich, dass es dafür bereits unterschiedliche Möglichkeiten gibt, die Grenzen und Chancen gleichermaßen innehaben. Zweifelsohne gibt es besonders für nachhaltige Gründungen und Unternehmen Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Thema Finanzierung, vor allem in der Anfangsphase, wenn das Geschäftsmodell noch in der Entstehung ist. Daraus ergibt sich auch eine mangelnde Passfähigkeit der bestehenden Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten mit nachhaltigen Unternehmen. Gleichermaßen wurde daher deutlich, dass es auch unterschiedliches Verständnis darüber gibt, was nachhaltige Finanzen und ökonomische Nachhaltigkeit meint und ob dies kongruent mit den aktuellen Finanzierungmöglichkeiten ist. 

Arbeitskreis ‘Sustainable Finance Testlab’ im Nancy-Spero-Saal im Festspielhaus Hellerau – Foto: Markus Weinberg

Nach dem Mittag, und damit im Rahmen des Arbeitskreises im Festspielhaus HELLERAU, wagten wir große Visionen, um diese mangelnde Passfähigkeit zu adressieren: „EU-Strategy for financing the transition to a sustainable economy“ als Rahmen für sächsische Lösungen, die Transformationschance des Strukturwandels mithilfe realer Experimentierräume in Kommunen

Inspiriert von der Definition von Kultur als das „menschliche Zusammensein“ verband uns der Wunsch des gemeinsamen Aktivwerdens im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung speziell mit Blick auf Kommunen. Aufbauend auf den Ideen der Sachsen, wie gesellschaftliche und umwelt-bezogene Probleme gemeinschaftlich zu lösen wären, sehen wir vor allem die Notwendigkeit der Bürgerintegration in den Prozess und das Verwenden einer verständlichen Sprache in Sachen Finanzen als obere Priorität. 

Ebenso sind die Bestrebungen in Sachsen direkt mit der EU-Strategie in Verbindung zu bringen, weil sie als eine lokale Interpretation der europäischen Förderungen erachtet werden kann. Schließlich waren wir uns einig darüber, in Weißwasser ein Testlab zu starten, um einen Rahmen für das Vorhaben zu geben und vielseitig Ideen und Stakeholder zu integrieren. Damit soll es zügig losgehen und sich die Beteiligten bald wieder in Austausch begeben.

Zusammenfassend lässt sich festhalten:

Während am Morgen sich die Perspektiven eher auf die Herausforderungen und Schwierigkeiten der aktuellen Finanzinstrumente richteten, herrschte am Nachmittag eine gemeinsame Vision verbunden mit Entscheidungs- und Tatkraft, ein Sustainable Finance Testlab zunächst in Weißwasser zu starten, sowie die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen.

In der Retrospektive auf den gesamten Tag lassen sich drei wesentliche Beobachtungen im Bereich der Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschaft festhalten:

  1. Nachhaltige Unternehmen brauchen Wertschätzung und Sichtbarkeit. 
    Wir alle beobachten, dass schon zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen auf dem Weg einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung sind und daher jetzt die Zeit ist, genau diesen Weg aktiv mitzugestalten. 
  2. Nachhaltige Unternehmen brauchen Wissen und Orientierung
    Wir erleben außerdem, dass es bestehende KMUs gibt, die verstehen wollen, was nachhaltiges Wirtschaften meint. 
  3. Nachhaltige Unternehmen brauchen Freiräume und neue Finanzierungs- und Förderlösungen
    Wir erkennen des Weiteren, dass nachhaltige Gründerinnen und Gründer mit ihrem Verständnis von Geschäftsmodellen und Unternehmertum teils in einer abseitigen Nische stehen und mit Mainstream-Finanzlösungen nicht unterstützt werden. 

Und damit kamen wir auf gemeinsame Nenner, was es jetzt zu tun ist: 

Finanzinstrumente, die Gründungen und KMUs, also kleine und mittelständige Unternehmen, unterstützen, wenn sie sich an der nachhaltigen Entwicklung beteiligen, gilt es zu erdenken, zu entwickeln und zu erproben – darin sind und waren wir uns am Freitag einig. Und dazu gehört es, dass wir gemeinsam für eine verständliche Sprache aller Stakeholder verantwortlich sind, sowie gemeinsam auf bestehende EU-Regularien lokale Antworten finden müssen – auf dem Papier und in geschützten Testlabs.

Wie geht es weiter?

Der Prozess, der sich nun in Gang setzt, fußt auf den gemeinsamen Visionen des Arbeitskreises am 09.07.21. Es ist an der Zeit, das Testlab auf den Weg zu bringen mit all unseren gemeinsamen Erfahrungen, Vorstellungen und Zielen. Es werden sich daher weitere Arbeitskreistreffen anschließen, um den Prozess immer wieder zu bündeln, den Fortschritt zu erkennen und um die Herausforderung ko-kreativ zu meistern. Hier gilt es, alle Stakeholder immer im Blick zu behalten: Bürgerinnen und Bürger, Unternehmerinnen und Unternehmer, Finanzdienstleister, Investorinnen und Investoren, das Land Sachsen und deren Akteurinnen und Akteure sowie die EU-Kommission mit ihren Vorgaben. 

Dabei wird der Testlab-Prozess durch eine wissenschaftliche Studie begleitet. So wie es die Ansicht aller Beteiligten war, gilt es auch in der Studie Bottum-Up Probleme zu verstehen und Lösungen zu erarbeiten. Durch den kontinuierlichen Dialog mit Gesellschaft und Stadt, Unternehmer- und Investorentum sowie Finanzdienstleistern und Förderinstitutionen wird in einem Design Science Research-Prozess die Integration aller Stakeholder gewährleistet. Gleichmaßen wird es damit möglich, den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu integrieren. 

Festspielhaus HELLERAU – Foto: Markus Weinberg

Bauhaus als Inspiration

Als Location für Werkstattgespräch und Arbeitstreffen wählten wir bewusst Hellerau, morgens die Deutschen Werkstätten und am Nachmittag das Festspielhaus ‚HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste‘. Ein großes Dankeschön an Konstantin Kleinichen von den Deutschen Werkstätten und an Carena Schlewitt vom Festspielhaus HELLERAU für ihr herzliches Willkommen. 

#NewEuropeanBauhaus, eine Initiative der Europäischen Union, stellt die Verbindung zwischen dem European Green Deal und unseren Lebensräumen her. Sie ist ein Aufruf an alle Europäer und Europäerinnen, gemeinsam Vorstellungen von einer nachhaltigen und inklusiven, ästhetischen, intellektuell und emotional ansprechenden Zukunft zu entwickeln und zu realisieren.

Hellerau in seinem Dreiklang der vom visionären Unternehmer und Netzwerker Karl Schmidt gegründeten Deutschen Werkstätten, der Gartenstadt nach englischem Vorbild und dem Festspielhaus galt von 1910 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges als pulsierendes und innovatives Zentrum der europäischen Avantgarde. Die hier gelebte Einheit von Arbeit, Kunst und Leben war einzigartig. Man nannte sie auch eine ‚Werkstatt einer neuen Menschlichkeit‘. Die Kunstschule Hellerau gilt als erster Ort einer gelebten Werkbundidee und damit als Ursprung von Bauhaus. 

Welch passenderen Ort könnte es für unsere ersten Arbeitskreise zu einem ‚Sustainable Finance Testlab‘, das ganz Europa inspirieren und speziell auch mit Blick auf die ‚New European Bauhaus Initiative’ nachhaltige Finanzierungslösungen gestalten soll, geben…. 

Sprechen Sie mich an, wenn Sie mitwirken wollen: silke.hohmuth@menschbank.de

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