Female Entrepreneurs & Investors: Wie kommen nachhaltige Gründerinnen besser an Geld?

Von Tina Teucher und Susann Rockstroh

Frauen realisieren statistisch gesehen mehr gemeinwohl-orientierte Unternehmensgründungen, aber sind im Zugang zu Finanzen massiv benachteiligt. Gleichzeitig erzielen Frauen oft bessere Anlageergebnisse, weil sie tendenziell bedachter und risikobewusster investieren. Beim Leipziger Finanzforum am 30.04.2021 diskutierte ein zweistündiger online-Roundtable, wie Sustainable Finance auch geschlechtergerecht gestaltet werden kann. 

 „Gründerinnen haben es bei der Finanzierung schwerer als Männer – warum ist das so und wie lässt sich das ändern?“, fragte Moderatorin und Journalistin Susanne Bergius zum Einstieg der Runde.

Cornelia Jahnel (Vorstand im Verband Deutscher Unternehmerinnen VDU Sachsen/Sachsen-Anhalt und Gastgeberin des Roundtables) hat das Female Investors Network im VDU mitinitiiert. Sie betont, dass es in Sachsen doppelt so viele Gründerinnen gibt, wie im bundesweiten Durchschnitt: 30%. Dennoch sieht sie ungenutztes Potenzial, da viel mehr Frauen in MINT-Berufen arbeiten könnten. Vor allem im Bausektor sei der Anteil noch sehr klein. Die Zukunft liege vor allem in gemischten Teams, da diese sich gut ergänzen und nachweislich erfolgreicher seien. Als Paradebeispiele nennt Cornelia Jahnel das Astia Investment Netzwerk für gemischte Teams und ein Modell aus Argentinien: Bei diesem zahlen bereits gut etablierte Unternehmen in einen Risiko-Fonds für von Frauen geführte Unternehmen ein und erhalten als Anreiz dafür Steuervergünstigungen. Von solchen pragmatischen, einfachen Lösungen könnten alle Seiten profitieren.

Zudem gäbe es keine Lobby für Gründerinnen. Kleine Netzwerke sind durchaus vorhanden, ein großer Dachverband fehle jedoch. Um Investoren zu überzeugen, müssen sich Frauen mehr anstrengen. Was helfe, seien Best Practice Beispiele und der Fokus darauf, dass das Erfüllen der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) auch langfristig zum Erfolg führt – nicht nur monetär, sondern auch auf sozialer und ökologischer Ebene. Zudem sollte man gezielt auch Investorinnen ansprechen, da sie für Nachhaltigkeitsthemen häufig offener seien.

Lisa Jaspers (Gründerin von Folkdays) hat mit Naomi Ryland das Buch „Starting a Revolution“ geschrieben. Sie gibt zu bedenken, dass Frauen aus verschiedenen Gründen seltener eine Finanzierung bekommen. Zum einen gäbe es wenige Frauen, die auf Risikokapital angewiesen sind, da wenige ihre Unternehmen verkaufen wollen oder an die Börse gehen möchten. Sie behalten ihre Unternehmen lieber und entscheiden selbst in welche Richtung sie sich entwickeln. Ein Problem sei es, dass es keine alternativen Finanzierungsmodelle gibt, die Fremdkapital im selben Umfang zur Verfügung stellen wie Investoren. Zudem erhalten Frauen, die sich für eine Finanzierung entscheiden, 40% weniger Geld (bei gleichem Businessplan). Dieser Unterschied wird durch unbewusste Vorurteile begründet. 

Lisa Jaspers ist der Ansicht, dass es genügend Bereiche gibt, in denen Gründungen sinnvoll sein können. Daher solle man nicht zwanghaft versuchen, Frauen in MINT-Jobs zu drängen. Die gängige Beurteilung, welche Branchen und Unternehmen als wertvoll gelten, sei bereits von einer männlichen Perspektive geprägt.

In Ländern mit besserer Kinderbetreuung hätten Frauen bessere Chancen, beruflich durchzustarten. In den USA zum Beispiel laufe das Recruiting komplett anders: Dort werden Frauen gezielt von Startups abgeworben. Unternehmen würden dort alles dafür tun, Diversity umzusetzen und nicht auf eine weibliche Bewerbung warten, sondern proaktiv vorgehen. Das sei bei vielen deutschen Unternehmen noch nicht der Fall. Insgesamt müsse man das System grundlegend hinterfragen, in dem Business-Modelle auf Profitmaximierung abzielen. 

Wir brauchen eine Definition von wirtschaftlichem Erfolg, in der es um die Frage geht: In was für einer Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?

Lisa Jaspers (Folkdays)

Dr. Eva Vollmer (Gründerin des Weinguts Eva Vollmer) ist eine der Protagonistinnen im Film „Wein Weiblich“ und setzt sich ein für klimaschützende „Zukunftsweine“. Sie erzählt, dass der Frauenanteil bei Gründerinnen auch ihrer Erfahrung nach geringer sei. Gleichzeitig kenne sie aber viele Frauen, die vor allem auch wegen ihrer Kinder in Richtung Nachhaltigkeit drängen. Sich mit anderen Unternehmen zu vernetzen habe einen positiven Effekt für beide Seiten und das gerade auch im regionalen Kontext. 

In der Agrarwirtschaft stehe Nachhaltigkeit zum Beispiel noch viel zu wenig im Vordergrund: Grundlagen und Maßnahmen seien veraltet. Ein Handeln gegen die SDGs werde belohnt – große Flächen, Dünger und Pestizide sind an der Tagesordnung, Sanktionen gegen ökologisch schadhaftes Verhalten gäbe es nicht.

Tino Kressner (Mitgründer Startnext) ist Crowdfunding-Pionier in Deutschland und Co-Autor des Crowdfunding-Handbuchs. Er ist zudem Gründungsmitglied des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND e.V.). Über 50% der Gründenden in Sozialunternehmen sind weiblich. Kressner hat beobachtet, dass Frauen eher mit dem Ziel einer Sinn- und Wirkungsmaximierung gründen, Männer dagegen häufiger aus rein ökonomischen Gründen.

Frauen gründen eher aus dem Purpose heraus, aus einer Sinn- und Wirkungsmaximierung, wohingegen männliche Gründer doch eher das Geschäftsmodell, die Innovationskraft und auch die Profitmaximierung im Vordergrund sehen.

Tino Kressner (Startnext)

Generell gäbe es wenig Förderungen für soziale oder nicht gewinnorientierte Unternehmen. Nur drei Förderbanken in Deutschland haben ihre Programme für soziale Unternehmen geöffnet, wobei auch dort Genossenschaften oder gemeinnützige Unternehmen wenig Chancen haben. 

Viele der wirtschaftspolitischen Entscheidungen würden noch im Nachkriegsmodus gefällt: Im Fokus stehen noch immer Import/ Export und andere Maßnahmen, um mehr Wohlstand ins Land zu bringen, den wir eigentlich schon haben. Zu wenige Förderprogramme gehen in eine soziale oder nachhaltige Richtung.

Als neue Rechtsform bieten sich „Unternehmen mit gebundenem Vermögen“ an. In diesem Rahmen können Investoren ihr Kapital nicht grenzenlos maximieren, sondern nur in einem vorher vertraglich festgelegten Umfang. Alles weitere Geld fließt ins Unternehmen selbst und ist nicht am Kapitalmarkt handelbar. Auch Kressner rät Frauen mit der Erreichung der SDGs zu argumentieren, um Investoren zu überzeugen. Es brauche aber auch staatliche Zuschüsse, die nicht auf Gewinn aus sind, wie z.B. die Social Impact Bonds in England. Dort zahlt der Staat die Rendite. Insgesamt sieht Kressner im Bereich Impact Investment derzeit große Bewegungen. 

Kristina Jeromin (Mitgeschäftsführerin im Green and Sustainable Finance Cluster Germany) sagt: Frauen netzwerken anders. Bestehende Netzwerke, die es schon seit Jahrhunderten gibt, sind vornehmlich männlich dominiert. Das macht es für Frauen schwerer, reinzukommen. Die Breite der Gesellschaft werde in den Entscheidungsebenen nicht abgebildet. 

Zudem sei das Bild von Ökonomie, Wachstum und Erfolg veraltet. Sozialer, nachhaltiger und gesellschaftlicher Mehrwert seien schlecht messbar, ebenso wie Diversity. Dadurch sei es schwer nachzuvollziehen, welchen Beitrag diese Faktoren zum Erfolg eines Unternehmens leisten – besonders, wenn der Fokus weiterhin auf dem Gewinn liegt. 

Der Sustainable Finance Beirat hat zum Thema Female Entrepreneurship nichts in den Empfehlungen verankert. Die Zeit war zu knapp und der Fokus der meisten Beteiligten lag auf anderen Themen (deswegen fehlt auch das Thema Biodiversität). Man habe es noch nicht geschafft, die soziale Dimension von nachhaltiger Finanzierung umzusetzen, da diese schwer greifbar ist. Man sollte Faktoren für mehr Vielfalt fördern, aber auch Strafen verhängen, wenn diese nicht erfüllt werden. Strukturelle Ungleichheit sollten aus Sicht von Kristina Jeromin ausgeglichen werden, das stelle keine Benachteiligung von Männern dar, sondern einen Ausgleich.

Wir bekommen das Thema Sustainable Finance nicht aus der Nische raus, weil es nicht als relevante Wertgenerierung betrachtet wird, weil wir Wert immer noch zu eindimensional denken.

Kristina Jeromin (Green and Sustainable Finance Cluster Germany)

In der anschließenden Diskussion kamen zusätzliche Impulse aus dem Kreis der Teilnehmenden. Eine Teilnehmerin regte beispielsweise an, dass gemeinnütziges Denken in Schulen mehr gefördert werden sollte – nicht nur im Rahmen von Katastrophen. Die Runde war sich einig, dass Führungsstil-Seminare „aus dem Mittelalter sind“, denn dort gehe es meist darum, Machtgefälle zu manifestieren.  Spezielle Genderfonds, die es bisher auf dem Markt gäbe, sind noch nicht nachhaltig in anderen ökologischen und sozialen Feldern ausgerichtet, wie die Teilnehmerin Nicole Katsioulis (Blog Geld-Marie) recherchiert hat. Zudem sei es wichtiger, männliche Geldgeber zu sensibilisieren und auf das Thema aufmerksam zu machen, als deren Sprache zu erlernen.

Aublick: das Thema ‘Sustainable Finance & Diversity’ findet Fortsetzung in der Veranstaltungsreihe ‘Mondays for Economy‘ mit Roundtables an jedem ersten Montag eines Monats.

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